Der gute Gott und das böse Virus – 3 Impulse theologisch über die Coronakrise zu denken

Seit Längerem frage ich mich, wie ich geistlich mit der Coronakrise und dem Coronavirus umgehen will. Wer mich etwas kennt, weiß, dass ich keine einfachen Antworten suche. Ich will keine „Lösung“ für das Problem. Mein Christin-Sein ist sehr davon geprägt, dass ich Fragen stelle, dass ich mit Gott ringe und nichts für selbstverständlich halte – außer die Liebe, die Gott allen Geschöpfen versprochen hat. 

Konkret habe ich mir diese Frage gestellt und ich habe sie an euch weitergegeben:

Ich war überwältigt von euren Antworten, Impulsen und überhaupt von der Vielzahl der Kommentare. Zuerst war ich etwas unglücklich mit der Diskussion, muss ich zugeben. Aber wenn ich jetzt alles noch einmal lese, dann bin ich dankbar. Für euer Engagement, eure Lust am Diskutieren, an der Freude theologisch Weiterzudenken. Danke übrigens auch an die, die sich kritisch geäußert haben.

Keinesfalls möchte ich die ganze Diskussion noch einmal aufrollen. Mit diesem Beitrag möchte ich Impulse festhalten, die für mich neu waren und, die ich zusammenfassen möchte. Ich zitiere 3 Impulse, die ich für sehr anregend halte und möchte sie euch gerne mitgeben. Ich würde mich freuen, wenn einer der ausgesuchten Impulse für euch eine Anregung sein kann. 

Grundsätzlich: „Es ist eine Frage des Gottesbildes“

Ja, viele von euch haben mich darauf hingewiesen, dass es auf das Gottesbild ankommt, ob man so etwas wie eine „Strafe“ Gottes überhaupt in Betracht zieht. Dem stimme ich absolut zu.

Ein immer nur liebender Gott und ein Strafhandeln würden sich ausschließen. Ich kann akzeptieren, dass dieses Gottesbild geglaubt wird, ich weiß auch, welche Anhaltspunkte es in der Bibel und in der Tradition hat – aber immer nur vom liebenden Gott zu sprechen, ist für mich schlicht unzureichend.

Das hat mehrere Gründe, aber vor allem:

Ein untätiger Gott ist für mich nicht liebevoll

Ich bin in letzter Zeit oft auf die Aussage gestoßen, das Virus sei rein natürlich und Gott habe daran nicht Schuld. Hat Gott also keine Macht über ein Virus?

In einem Artikel in der FAZ vom 16.05.2020 stellt der Gastautor Harmut Löwe Folgendes fest: „Man kann doch nicht ganze Bereiche des Lebens dem Walten Gottes entziehen und ausschließlich natürlich erklären wollen.“ Ich kann mit dem Gedanken viel anfangen. Nur ein Gott, der in der Welt wirkt, ist ein Gott. Die Liebe Gottes nutzt mir doch gar nichts, wenn sie sich nicht tätig in der Welt erweist. Der liebe Gott, der oben auf der Wolke sitzt und lächelnd zusieht, wie alles vor die Hunde geht – dieses Gottesbild versetzt mich in Rage. Es erinnert mich an die Philosophie des Epikur, in der griechischen Antike: Die Götter sind fröhliche Wesen, die abseits der Menschen leben und sich nicht in ihr Leben einmischen.

Mir sind theologische Modelle bekannt, wonach Gott sich aus dem Weltgeschehen zurückzieht, weil er dem Menschen die Freiheit geschenkt hat. Das wäre ein Akt der Liebe, ihm diese Freiheit zu überlassen.

Im Hintergrund steht das klassische Theodizee-Problem („Gerechtigkeitsproblem“): Wie kann Gott gut und allmächtig und also gerecht sein? Die meisten theologischen Modelle, die ich kenne, lösen die Frage zur Seite der Güte bzw. Liebe Gottes auf. Die Allmacht wird geleugnet. Das kann man tun, das ist theologisch redlich. Mir hat so ein Gott aber nichts zu sagen. Er hat keine Bedeutung. 

Hat Gott als Schöpfer etwas mit seiner Schöpfung zu tun?

Hier kann man von zwei Seiten vom Pferd fallen, wie ich finde. Ein Gott, der die Schöpfung ist, würde einen Pantheismus begründen… dann würde ich einen Teil von Gott töten, wenn ich auf einen Käfer trete. Ein Gott, der nichts mit seiner Schöpfung zu tun hat, würde einen Deismus begründen. Gott hätte dann die Welt geschaffen und sich dann ganz zurückgezogen, überspitzt gesagt: Die Hände in den Schoß gelegt. 

Beides überzeugt mich nicht. Es muss einen Mittelweg geben. Soweit ich das überblicke, werden die beiden Extreme in der theologischen Forschung aus gutem Grund nicht mehr ernsthaft vertreten.

Gottes Wille mit dem Virus

Was der ist – Das ist eine super schwierige Frage. Hat Gott etwas mit Krankheit zu tun? Ich merke, wie Sprengstoff in der Frage liegt. Es wäre simpel zu sagen, Gott straft einen einzelnen mit dem Virus, weil er böse war. Deswegen kann das Wort „Strafe“ hier wirklich irrenführend sein. Das möchte ich auf gar keinen Fall aussagen.

Als ein Blindgeborener zu Jesus kommt, sagt dieser: „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm“ (Evangelium nach Johannes 9,3). Das Blindsein, Krankheit allgemein hat nicht direkt etwas mit Schuld zu tun, das ist klar. Doch selbst im Neuen Testament straft Gott: Hananias und Saphira trifft in Apostelgeschichte 5 sofort der Schlag, als diese sich gegenüber der Urgemeinde schuldig machen.

Nicht dass ich biblizistisch Stellen gegeneinander ausspielen wollte, es zeigt sich in beiden Bibelstellen aber beispielhaft, dass Gott vielfältig handelt und er verschiedene Reaktionen gegenüber menschlichem Verhalten auf Lager hat. Es ließen sich hier viele weitere Bibelstellen anführen, aber das würde zu weit führen. Feststeht: Zusammenhänge zwischen Krankheit, Strafe und Gott sind biblisch belegt. Nicht zuletzt in den berühmten 10 Plagen, die Gott über Ägypten ausgießt, als der Pharao das Volk Israel nicht gehen lassen will (Buch Exodus, Kapitel 7-11). Die 6. Plage sind Geschwüre und es gibt auch eine Viehpest.

Also: Wie jetzt Gott und das Virus zusammendenken?

Drei theologische Impulse zum Weiterdenken

Ich möchte euch Impulse mit auf den Weg geben, die ich als spannend empfunden habe, um über Gott und sein Wille mit dem Virus zu reden. Erneut: Eine endgültige Antwort ist damit nicht gegeben.

Aber hier weiter zu denken würde sich lohnen, finde ich:

1. Das Corona-Virus als Antwort der Natur

Dass unser Lebenswandel die Schöpfung sehr belastet, dem stimme ich zu. Wir nutzen viele Ressourcen und brauchen viel Lebensraum auf dieser Erde. Die Überbevölkerung der Erde durch Menschen ist ein massives Problem, unter dem ja letztlich auch wir Menschen leiden. Das kann das Ausbreiten einer Pandemie begünstigen. Insofern kann ich den Gedankengang nachvollziehen. 

Theologisch gesprochen ist die Natur Schöpfung. Bei so einem Gedankenmodell wäre sorgfältig zu prüfen, wie Schöpfer und Schöpfung im Zusammenhang stehen, ohne dass sie beziehungslos auseinanderklaffen oder einfach in eins gesetzt würden. 

2. Das Corona-Virus als Heimsuchung

Mir kam der Begriff zunächst sperrig vor. Mir war als evangelische Christin gar nicht vor Augen, dass der Besuch der Maria bei Elisabeth im Evangelium nach Lukas im ersten Kapitel auch „Mariä Heimsuchung“ genannt wird. Maria besucht Elisabeth, diese wird also „heimgesucht“. Elisabeth erkennt, dass Maria mit dem Sohn Gottes schwanger ist. 

Das Wörterbuch sagt mir, dass „Heimsuchung“ auch Schicksalsschlag heißen kann, der einem dann wie eine Prüfung vorkommt. 

Das finde ich bedenkenswert, denn das verweist mich auf wichtige Fragen: Was können wir lernen, wenn wir uns die schnelle Verbreitung des Virus angucken? Was hilft uns, diesen Schlag – gemeinsam – zu bewältigen? Es wäre zu klären, ob Gott direkt oder indirekt für diesen Schlag verantwortlich ist bzw. wie sein Wirken in der Heimsuchung theologisch angemessen zu versprachlichen ist.

3. Gottes Handeln als Beziehungsaussage angesichts des Corona-Virus

Zuerst habe ich diesen Impuls gar nicht verstanden, aber gerade das Stichwort „Beziehungsaussage“ hilft mir weiter. Ich stehe in einer Beziehung zu Gott als Schöpfer. Dass seine Schöpfung nicht perfekt ist, dass in ihr Leid und Tod und Krankheit existiert, das ist eine Herausforderung für jeden, der ernsthaft glaubt. Sünde ist nach der Ansicht vieler auch eine Beziehungsaussage: Sünde ist das, was die Beziehung zwischen mir und Gott stört, was mich von Gott trennt. 

Insofern Leiden und Krankheit mich von Gott trennen, betrifft das unsere Beziehung. Und Gott kann einem sehr fern erscheinen, wenn man sieht, wie Menschen leiden müssen. Wenn ich frage: Warum beendet Gott das nicht?, dann fühle ich mich ihm fern. Ich erbitte sein Handeln, doch das Handeln bleibt aus. Er schenkt keine Heilung.

Dann ist die Frage: Inwiefern ist Gott verantwortlich für Krankheit und Heilung? Oder nur für Heilung? Ist er für das Ausbleiben von Heilung auch verantwortlich?

Und gibt es auch Einwände?

Zum Schluss möchte ich euch auch die Einwände nicht vorenthalten, die dagegen sprechen, zu einfach das Wort „Strafe“ anzuwenden oder zu verkürzt: 


Beide Einwände sprechen für mich nicht dagegen, weiter über eine geistliche Haltung gegenüber dem Coronavirus und seinen Auswirkungen nachzudenken. Beide Einwände sind aber eine gute Warnung, vorschnelle Schlüsse zu ziehen und insofern sehr hilfreich.

Ein Hoffnungswort zum Schluss

Ihr findet meine Gedanken zu Corona ziemlich wenig tröstlich? Ich finde Trost, wenn ich auf diese Weise über Gott und die Schöpfung nachdenke, wenn ich nachfrage, nachbohre und unbeirrt meine Fragen stelle. Das ist für mich eine Suche nach Gott. Ich möchte aber niemanden in seinem Glauben erschüttern oder Gottesbilder verwerfen.

Ich finde es sehr tröstlich, so über Gott und Corona nachzudenken. Konkret heißt das nämlich, dass Gott das letzte Wort hat. Und die Bibel beschreibt die Schöpfung eben nicht als das letzte Wort Gottes. Die Schöpfung, in der wir leben, ist nicht perfekt. Es gibt Krankheit und Tod und Leid. Davor kann der Glaube nicht bewahren, das ist leider so. Aber der Glaube kann hindurchführen, er kann stark machen und mir helfen, die Situation zu akzeptieren – und mir darüber hinaus Hoffnung schenken.

Laut Paulus sind wir gerettet auf Hoffnung hin. Und dieses Hoffnungswort steht im direkten Zusammenhang damit, dass Paulus sieht und hört, wie die Schöpfung „seufzt“. Die Schöpfung selbst empfindet Schmerz über ihren Zustand. Aber auch die Geschöpfe seufzen und leiden. Das Sehnen und Wünschen verleiht Kraft, denn es verweist uns auf die Hoffnung:

„Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin.“ (Paulus an die Gemeinde in Rom, Kapitel 8, Verse, 22-24).

Damit wünsche ich euch, dass ihr geistlich und körperlich gut durch die Krise kommt!

Eure Theotabea

Ein Kommentar

  1. Sehr spannende Gedanken… Eines jedoch fällt mir auf: ist Gott wirklich untätig, wenn er mit der Krankheit, ihrer Entstehung und eventuell auch ihrer Heilung nicht direkt zu tun hat? Dorothee Sölle sagte: „Gott hat keine anderen Hände als unsere.“ Ich glaube, dass wir uns die starke Ausbreitung des Virus selbst zuzuschreiben haben, durch unseren Lebenswandel, aber nicht als „Strafe“ sondern schlicht als Konsequenz unseres Handelns. Wie schon oben der Tweet von Annette Lapp andeutet. Gottes Eingreifen besteht darin, dass er uns unermüdlich durch seine Heilige Geistkraft nahe sein will. Öffnen wir die Tür für Gott, so kann er durch uns wirken und handeln.

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